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Die Archimedischen Körper
(von www.mathe.tu-freiberg.de/~hebisch/cafe/archimedische.html;
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Definition: Ein Polyeder heißt halbregulär oder
semiregulär, wenn alle seine Oberflächen aus regelmäßigen Vielecken
(eventuell unterschiedlicher Eckenzahl) bestehen, und jede Ecke des Polyeders
durch eine seiner Symmetrieoperationen auf jede andere Ecke abgebildet werden
kann. Es muß sich also um ein uniformes Polyeder handeln.
Bereits Platon soll
neben den nach ihm benannten regulären
Polyedern das Kuboktaeder gekannt haben. Seit Archimedes,
dessen Arbeit darüber jedoch nicht erhalten geblieben ist, weiß man, daß es
neben den Platonischen
Körpern (und unendlich vielen Prismen und
Antiprismen) noch genau dreizehn halbreguläre konvexe Polyeder gibt, die
üblicherweise als Archimedische Körper bezeichnet werden:
1) Abgeschrägtes Hexaeder (Cubus simus) (3,3,3,3,4)
2) Kuboktaeder (3,4,3,4)
3) (kleines) Rhombenkuboktaeder (3,4,4,4)
4) Abgeschrägtes Dodekaeder (Dodekaedron simum) (3,3,3,3,5)
5) (kleines) Rhombenikosidodekaeder (3,4,5,4)
6) Ikosidodekaeder (3,5,3,5)
7) Abgestumpftes Tetraeder (3,6,6)
8) Abgestumpftes Hexaeder (3,8,8)
9) Abgestumpftes Dodekaeder (3,10,10)
10) Abgestumpftes Oktaeder (4,6,6)
11) Abgestumpftes Kuboktaeder oder großes Rhombenkuboktaeder(4,6,8)
12) Abgestumpftes Ikosidodekaeder oder großes Rhombenikosidodekaeder (4,6,10)
13) Abgestumpftes Ikosaeder (5,6,6)
Abgeschrägtes Hexaeder und abgeschrägtes Dodekaeder kommen in zwei
spiegelbildlichen Varianten vor, die sich nicht durch Drehungen zur Deckung
bringen lassen. Es handelt sich also um chirale Körper. Die Namen
Cubus simus und Dodekaedron simum für sie stammen von Johannes
Kepler. Dieser hat sie in seinem Buch Harmonice Mundi, das 1619 in
Linz erschienen ist, genauer untersucht und insbesondere die Vollständigkeit der
obigen Liste bewiesen. Dabei klassifizierte er sämtliche möglichen halbregären
Polyeder nach der Anzahl und Art der regelmäßen Vielecke, die in jeder der
kongruenten Ecken zusammenstoßen. Wie schon von Euklid
bei der Diskussion der regulären Polyeder bemerkt, können dies nur drei, vier
oder fünf Vielecke sein.
Fall 1: In jeder Ecke stoßen drei regelmäße Vielecke zusammen.
Fall 1a: Es handelt sich um jeweils gleiche Vielecke.
Dann liegt bereits ein regulärer Körper vor und zwar ein Tetraeder,
ein Hexaeder oder ein Dodekaeder.
Fall 1b: Zwei der Vielecke sind gleich und das dritte ist von ihnen
verschieden.
Die Möglichkeiten werden nun durch den folgenden Hilfssatz eingeschränkt.
Hilfssatz 1 Stoßen in den Ecken eines uniformen Polyeders jeweils
genau ein a-Eck, ein b-Eck und ein c-Eck zusammen und sind b und c verschieden,
so muß a gerade sein.
Zum Beweis beachte man, daß an den Seiten des a-Ecks abwechselnd die
Seiten eines b-Ecks und eines c-Ecks liegen. Das ist aber nur möglich, wenn a
gerade ist.
Beachtet man noch, daß die Winkelsumme in jeder Ecke eines konvexen Polyeders
echt kleiner als 360o sein muß, so bleiben nur die
folgenden Möglichkeiten mit ihren eindeutigen Realisierungen:
2 Quadrate, 1 beliebiges regelmäßes n-Eck (n ungleich 4): Prisma 2
Sechsecke, 1 Dreieck: Abgestumpftes Tetraeder 2 Sechsecke, 1 Quadrat:
Abgestumpftes Oktaeder 2 Sechsecke, 1 Fünfeck: Abgestumpftes
Ikosaeder 2 Achtecke, 1 Dreieck: Cubus simus 2 Zehnecke, 1
Dreieck: Dodekaedron simum
Fall 1c: Die drei Vielecke sind paarweise verschieden.
Aus dem Hilfssatz 1 ergibt sich sofort, daß jedes der Vielecke eine gerade
Anzahl von Ecken besitzt. Beachtet man noch die obige Beschränkung der
Winkelsumme, dann kommen nur die folgenden Möglichkeiten mit ihren eindeutigen
Realisierungen in Frage:
1 Quadrat, 1 Sechseck, 1 Achteck: Abgestumpftes Kuboktaeder 1
Quadrat, 1 Sechseck, 1 Zehneck: Abgestumpftes Ikosidodekaeder
Fall 2: In jeder Ecke stoßen vier regelmäße Vielecke zusammen.
Auch hier lassen sich die Möglichkeiten durch einen Hilfssatz stark
einschränken.
Hilfssatz 2 Stoßen in den Ecken eines uniformen Polyeders jeweils
genau ein 3-Eck, ein a-Eck, ein b-Eck und ein c-Eck so zusammen, daß jeweils das
a-Eck und das c-Eck eine Seite mit dem Dreieck gemeinsam haben, so muß gelten.
Wie beim Beweis von Hilfssatz 1 müssen also an den Seiten des Dreiecks
abwechselnd ein a-Eck und ein c-Eck liegen. Dies geht nur, wenn ist.
Dieser Hilfssatz und die Beschränkung der Winkelsumme läßt nur noch die
folgenden Möglichkeiten zu, die sich auch alle eindeutig in der angegebenen
Weise realisieren lassen:
4 Dreiecke: Oktaeder 3 Dreiecke, 1 beliebiges n-Eck (n ungleich 3):
Antiprisma 2 Dreiecke, 2 Quadrate: Kuboktaeder 2 Dreiecke, 2
Fünfecke: Ikosidodekaeder 1 Dreieck, 3 Quadrate:
Rhombenkuboktaeder 1 Dreieck, 2 Quadrate, 1 Fünfeck:
Rhombenikosidodekaeder
Fall 3: In jeder Ecke stoßen fünf regelmäße Vielecke zusammen.
Wegen der schon öfters benutzten Beschränkung der Winkelsumme in den Ecken
eines konvexen Polyeders bleiben nur die folgenden drei Möglichkeiten, die sich
in der angegebenen Weise realisieren lassen. Dabei ist das Ikosaeder eindeutig
bestimmt, für die anderen beiden Körper gibt es jeweils die beiden oben schon
angesprochenen verschiedenen spiegelbildlichen Realisierungen.
5 Dreiecke: Ikosaeder 4 Dreiecke, 1 Quadrat: Cubus
simus 4 Dreiecke, 1 Sechseck: Dodekaedron simum
Abbildungen der Archimedischen Körper aus Keplers Buch Harmonice Mundi
Erst um 1930 fand J. C. P. Miller eine Variante des Rhombenkuboktaeders, die aus
diesem entsteht, wenn man eine seiner "Kappen", die sich oberhalb eines
"Gürtels" aus Quadraten befindet, um verdreht. Auch
bei diesem konvexen Polyeder stoßen in jeder Ecke jeweils ein Dreieck und drei
Quadrate zusammen, die Ecken der oberen Kappe sind jedoch nicht mehr zu denen
der unteren Kappe kongruent, es handelt sich also nicht um ein uniformes
Polyeder. Es reicht also nicht, die Uniformität durch die Gleichartigkeit der
Folge der Vielecke zu beschreiben, die in jeder Ecke zusammenstoßen, wie dies
manchmal bei der Definition der halbregulären Körper getan wird.
Jeder Archimedische Körper besitzt eine Außenkugel. Diese gestattet die
Konstruktion des jeweiligen dualen
Körpers.
In der folgenden Tabelle sind die Werte für den Radius R der Außenkugel für
den jeweiligen Körper der Kantenlänge a zusammengestellt:
R Radius der Außenkugel,
|
| R/a
|
| 1)
| *)
|
| 2)
| 1
|
| 3)
| 1/2*sqrt(5+2*sqrt(2))
|
| 4)
| **)
|
| 5)
| 1/2*sqrt(4+2*sqrt(2))
|
| 6)
| 1/2*(1+sqrt(5))
|
| 7)
| 1/4*sqrt(22)
|
| 8)
| 1/2*sqrt(7+4*sqrt(2))
|
| 9)
| 1/4*sqrt(74+30*sqrt(5))
|
| 10)
| 1/2*sqrt(10)
|
| 11)
| 1/2*sqrt(13+6*sqrt(2))
|
| 12)
| 1/2*sqrt(31+12*sqrt(5))
|
| 13)
| 1/4*sqrt(58+18*sqrt(5)) |
*) R=1/2*sqrt((x^2 - 8x + 4)/(x^2 - 5x +4)) mit x = (19 +3*sqrt(33))^(1/3)
**) R=1/2*sqrt((8*2^(2/3) - 16x + 2^(1/3)x^2)/(8*2^(2/3) - 10x + 2^(1/3)x^2))
mit x = (49 +27*sqrt(5) + 3*sqrt(6)*sqrt(93 + 49*sqrt(5)))^(1/3)
Das in der Antike vorhandene allgemeine Interesse an regulären und
halbregulären Polyedern kam nach einer langen Ruhephase im Mittelalter erst
wieder in der Renaissance auf, als sich Mathematiker, Künstler und Handwerker
mit ihrer Beschreibung, Darstellung und Herstellung beschäftigten.
Beispielsweise behandelt Pierro
della Francesca in seinem Buch De Corporibus Regularibus von 1480 die
Platonischen Körper. Albrecht
Dürer gibt für einige Archimedische Körper in dem vierten Buch seiner
Vnderweysung der messung mit dem zirckel vnd dem richtscheyt von 1525 die
Netze an, und auch in dem Buch De divina proportione von Luca
Pacioli aus dem Jahr 1509 findet sich beispielsweise die folgende Abbildung
des Rhombenkuboktaeders.
Systematisch wurden die Archimedischen Körper
allerdings erst von Johannes
Kepler untersucht, der auch zwei nichtkonvexe reguläre Polyeder gefunden
hat, die Keplerschen
Sternpolyeder. Weitere, von regulären und halbregulären Polyedern
abgeleitete Polyederdarstellungen finden sich in den Büchern Geometria et
Perspectiva von Lorenz Stöer aus dem Jahr 1567 und Perspectiva
corporum regularium von Wenzel Jamnitzer aus dem Jahr 1568.
Übrigens kam es auch im 16. Jahrhundert in Mode, Sonnenuhren auf den Flächen
vornehmlich des Rhombenkuboktaeders anzubringen und in Parkanlagen aufzustellen,
wo man sie heute noch bewundern kann.
Weiterführende Literatur
- Tiberiu Roman, Reguläre
und halbreguläre Polyeder, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin,
1987. ISBN 3-326-00192-4
- Paul Adam, Arnold Wyss, Platonische
und Archimedische Körper, ihre Sternformen und polaren Gebilde, Verlag
Freies Geistesleben, Stuttgart, 1994. ISBN 3-7725-0965-7
- Magnus J. Wenninger, Polyhedron Models, Cambridge University Press,
Cambridge, 1989. ISBN 0-521-09859-9
- Alan Holden, Shapes, Space and Symmetry, Dover Publ., New York, 1991. ISBN
0-486-26851-9
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