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John Nash 
Geboren: 13. Juni 1928 in Bluefield, West Virginia, USA
Nach dem Film "A Beautiful Mind" (2001) und seiner Nominierung als Nobelpreisträger
(1994 in Wirtschaftswissenschaften, zusammen mit Harsanyi and Selten), gilt Nash als einer der
bekanntesten Mathematiker unserer Zeit. Auskunft über sein Leben gibt die folgende
Rezension des Buches: Sylvia Nasar, »Auf den fremden Meeren des Denkens. Das
Leben des genialen Mathematikers John Nash«. Aus dem Amerikanischen von
Cäcilie Plieninger und Anja Hansen-Schmidt, München, Zürich, Piper 1999,
ISBN 3-492-03800-X, 575 S.
Im Februar 1959 hält der Mathematiker
Eugenio Calabi, Mitglied des höchst angesehenen Institute for Advanced
Studies in Princeton, einen Vortrag am kaum minder angesehenen
Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston. Das
Publikum besteht aus lauter hochkarätigen Fachleuten. Während Calabi
spricht, beginnt in einer der hinteren Reihen plötzlich jemand laut zu
reden.
Viele Zuhörer kennen den Störer - es ist John Nash, geboren 1928 in
Bluefield, West Virginia, Dozent am MIT, vorher Princeton, von 1950 bis
1954 außerdem Berater der RAND-Corporation in Santa Monica. Seit seiner
Dissertation von 1949 über »Nicht-kooperative Spiele« gilt er als einer
der originellsten Köpfe unter den Mathematikern Amerikas. Leute, die
beurteilen können, was Nash in den Sphären, die sein Interesse wecken,
zuwege bringt, bezeichnen ihn als Genie. Jahrzehnte später wird er für
seine Dissertation, in der ihm eine wesentliche Erweiterung der auf John
von Neumann und Oskar Morgenstern zurückgehenden »Spieltheorie« gelungen
ist, den Nobelpreis bekommen.
In diesem Augenblick jedoch fragt er seinen Vordermann so laut, daß
alle im Saal es hören: »Vazquez, wußten Sie, daß ich auf dem Titelbild der
Zeitschrift Life bin?« und fährt fort, man habe sein Photo dort so
verändert, daß er wie Papst Johannes XXIII. aussehe. Nash insistiert so
laut und so lange, daß Vazquez sich schließlich umdreht und ihn fragt,
woher er eigentlich wisse, daß jenes Titelbild ihn zeige. Erstens,
antwortet Nash, sei Johannes (im Englischen: John) nicht der wahre Name
des Papstes, sondern sein eigener Name, und zweitens sei die
Dreiundzwanzig seine, Nashs, »Lieblingsprimzahl«. Alle haben den
Wortwechsel mitbekommen. Calabi setzt seinen Vortrag fort, als wäre nichts
gewesen.
Genie und Wahnsinn - die Beschreibung des Lebens von John Nash zwischen
diese beiden, einst von Cesare Lombroso eingepflanzten Pole zu spannen,
liegt nahe. Sylvia Nasar tut dies in ihrer Biographie, ohne sich auf
Lombroso und seine psychiatrische Metaphysik einzulassen. Dennoch erweist
sich ihr Thema als tückisch. Genie und Wahnsinn sind im Falle John Nashs
nämlich offenbar durch Beschreibung nicht gleichermaßen anschaulich zu
machen. Die Verwirrungen im Gefolge der »paranoiden Schizophrenie«, die
nach der oben geschilderten Episode bei John Nash diagnostiziert wurde,
lassen sich besser erzählen und plastischer darstellen als die
intellektuellen Hochleistungen, die er an den vorgeschobensten Positionen
seines Fachgebietes vollbringt. Selbst versierten Fachkollegen bereitete
es, wie Sylvia Nasar berichtet, oft erhebliche Mühen, überhaupt zu
begreifen, worin die Relevanz und die Eleganz der Lösungen lag, die Nash
für Probleme vorschlug, die als unlösbar galten. So kommt es, daß wir uns
zusammen mit der Biographin auf jene wenigen Experten verlassen müssen,
die imstande sind, seine Handschrift als Mathematiker zu beurteilen. Sie
nennen die Art, wie Nash zu seinen Schlüssen gelangt, seine Theoreme
entwickelt und Beweise führt, »genial«, und wir sind geneigt, ihnen zu
glauben, auch wenn wir uns kein wirkliches Bild von dieser Genialität
machen können.
Eine Einführung in John Nashs Arbeiten und sein Denken ist aus diesem
Buch also nicht zu gewinnen, wohl aber eine Fülle von Innenansichten aus
dem amerikanischen Wissenschaftsbetrieb zur Zeit des Kalten Krieges, die
für interessierte Nicht-Experten wahrscheinlich viel aufschlußreicher
sind. Die RAND-Corporation, der »Think Tank«, in dem Nash von 1951 bis zu
seinem Hinauswurf im Jahre 1954 als Berater tätig ist, hat die Aufgabe,
das Undenkbare (den Atomkrieg, die Wasserstoffbombe) zu denken. Und der
Ausschuß des Senators McCarthy gegen unamerikanische Aktivitäten geht im
Dienste einer staatlich verordneten Paranoia daran, das gesamte kulturelle
und wissenschaftliche Leben des Landes zu durchleuchten. Dabei erzeugt
schon das gewöhnliche Spiel der Rivalitäten und Intrigen bei der Vergabe
von akademischen Ämtern und Würden einen enormen Druck.
Hochleistungsmathematik hat mit dem Hochleistungssport immerhin so viel
gemeinsam, daß wirkliche Großtaten auf dem Gebiet der Mathematik von
Leuten, die sie bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr nicht vollbracht
haben, auch nachher nicht mehr erwartet werden.
Nash ist dreißig, als seine Geisteskrankheit offen ausbricht.
Staunenswerte Leistungen hat er in den voraufgegangenen zehn Jahren in
beachtlicher Zahl vollbracht, aber die gebührende Anerkennung ist ihm
versagt geblieben: ein paar Stipendien, aber keine feste Professur, kein
bedeutender Preis. Ausgezeichnet und eingestellt werden die anderen, die
Konkurrenten, während er beim Schritt über die Schwelle der Dreißig den
Boden unter den Füßen verliert. Auch sein privates Leben bietet ihm keinen
Halt: ein Hin und Her zwischen verschiedenen Männern und einer Frau,
Eleanor, die er nicht heiraten will, mit einem, seinem unehelichen Sohn,
um den er sich nicht kümmert. Das persönliche Chaos wird noch größer, als
er sich von einer Studentin erobern läßt und sie heiratet. Auch mit Alicia
hat er einen Sohn, und sie ist es, die nun mit wachsender Besorgnis aus
nächster Nähe die Verrückungen in seinem Geist und seinem Verhalten
wahrnimmt, bis zu dem Punkt, wo sie sich und ihr Kind so sehr gefährdet
fühlt, daß sie gegen den Willen ihres Mannes dessen Einlieferung in eine
psychiatrische Anstalt betreibt. Als Nash nach ein paar Wochen wieder
entlassen wird, ist er nur scheinbar geheilt - und das erste von dreißig
»verlorenen Jahren« hat eben erst begonnen. Sylvia Nasar muß über ein
großes Geschick verfügen, Menschen zum Erzählen und zur Offenheit zu
bringen. Immerhin handelt ihre Biographie von einem Lebenden, und ihre
wichtigste Quelle sind Dutzende Interviews mit Leuten, die im Laufe der
Jahre auf diese oder jene Weise in Beziehung zu John Nash getreten sind.
Seinen Freunden, Kollegen und Rivalen, ehemaligen Studenten, den
Angehörigen des Personals von Instituten, in denen Nash ein- und ausging,
und nicht zuletzt einigen der Männer und den beiden Frauen, mit denen er
sich im Laufe seines Lebens verbunden hat, entlockt Sylvia Nasar eine
Geschichte mit vielen bedrückenden Szenen, die in der Erinnerung
wiederzubeleben und preiszugeben den Befragten, die zugleich Beteiligte
und Verstrickte waren, nicht leicht gefallen sein kann.
Aber nach langen Jahren hat diese Geschichte einen halbwegs glücklichen
Ausgang. Die paranoide Schizophrenie wird von vielen für unheilbar
gehalten, und Fälle von Gesundung sind tatsächlich sehr selten. Doch Ende
der achtziger Jahre taucht John Nash aus seiner Geisteskrankheit auf. Er
kann sich wieder der Mathematik zuwenden und bekommt 1994 zusammen mit
zwei anderen Vertretern der »Spieltheorie«, dem Deutschen Reinhard Selten
und dem aus Ungarn stammenden Amerikaner John Harsanyi, den Nobelpreis für
Wirtschaftswissenschaften.
Was Nashs »Remission«, vielleicht sogar seine Genesung, nach so langer
Zeit bewirkt hat, ist unklar. Sylvia Nasar vermutet, ein wichtiger Faktor
sei eine Umgebung gewesen, die ihm seine Ruhe ließ. Für Nash war dies
nicht die Klinik und auch nicht der Schoß der Familie, sondern die Welt
der Institute und Bibliotheken, der Teestunden in den Dozentenzimmern, der
Vorträge und Vorlesungen. Princeton hat sich in seinem Fall als tolerante
»Therapiegemeinschaft« erwiesen.
Nashs Beziehung zur Realität konnte sich wohl deshalb wieder
stabilisieren, weil sie nie ganz abbrach. Sein letzter Halt sind die
Zahlen. Sie garantieren ihm einen Rest von Ordnung. William Browder, der
Vorsitzende der mathematischen Abteilung in Princeton, berichtet: »Nash
war der größte Numerologe, den die Welt je gesehen hat. ... Einmal rief er
mich an, nannte mir Chrustschows Geburtsdatum und arbeitete sich dann
geradewegs zum Dow-Jones-Index vor.«
Als »Phantom der Fine Hall« führt Nash in Princeton jahrelang ein
akademisches Schattendasein. Er wandert durch die Gänge, sitzt in der
Bibliothek, verharrt in Vorlesungssälen, schweift im Park umher. Manche
Sekretärinnen fürchten sich vor ihm. Andere finden ihn harmlos. Auf den
Tafeln der Seminarräume hinterläßt er seltsame Kreidebotschaften.
Studenten, die von John Nash nie gehört haben oder ihn für tot halten,
studieren sie genau, und manchmal schreiben sie sie Wort für Wort ab, um
sie Jahre oder Jahrzehnte später seiner Biographin zu übermitteln: »Mao
Tse-tungs Bar-Mizwa fand 13 Jahre, 13 Monate und 13 Tage nach Breschnews
Beschneidung statt«. - »Harvard hat recht: es gibt eine Gehirnpanne.«
So willkommen diese und viele andere Fundstücke sind - gelegentlich
wünscht man sich bei der Lektüre, die Autorin hätte angesichts der Fülle
des Materials, das ihr die zahlreichen Interviews in die Hand gaben,
entschlossener ausgewählt und ihren Rohstoff mit erzählerischen Mitteln
stärker verdichtet, statt sich mit Reihung und Repetition zu begnügen.
Auch die deutsche Übersetzung läßt Wünsche offen, namentlich beim Umgang
mit dem erweiterten Infinitiv von »werden«: »In Princeton beginnt Nashs
Denken drängend und konzentriert zu werden.« - »Die mathematische Fakultät
ist im Begriff, recht bedeutend zu werden.« - »Er fühlte sich vom Institut
angezogen ... und versuchte, dorthin berufen zu werden.« Vor allem im
ersten Viertel des Buches treibt die stilistische Unbeholfenheit an
Dutzenden von Stellen sonderbare Blüten, die offenbar kein Lektorat
pflücken wollte oder konnte.
Die Lektüre dieses verstörenden Buches wird durch solches Ungeschick
zwar hier und da gestört, aber dem Sog, den die Geschichte, je weiter man
in ihr vorankommt, desto stärker entfaltet, kann dies nichts anhaben. Die
mathematischen Leistungen ihrer genialen Hauptfigur mögen uns fern
bleiben. Aber gerade weil John Nash nicht als Geistesheros und nicht
einmal durchwegs in freundlichem Licht gezeigt wird, tritt uns der Bericht
über sein Verschwinden im Wahnsinn und seine Wiederkehr besonders nah.
Zuerst erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.Oktober 1999 (c) Reinhard Kaiser
(Quelle: http://members.aol.com/reinkaiser/nash.htm)
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